IM RHYTHMUS DER PISTE

(Ausschnitt aus meinem Reiseblog)

Die dunkelbraune Erde unter unseren Rädern verströmt eine rohe Kraft, gleichermassen ausgemergelt und zäh, reglos, aber unmerklich pulsierend wie ein Tier in Lauerstellung, und eine flirrende Unruhe durchströmt mich, trotz der eigentlichen Ödnis da draussen, des sich seit zwei Tagen kaum verändernden Landschaftsbildes. Der vor uns fahrende Unimog hüllt sich komplett in eine gelbe Staubwolke, die er hinter sich herzieht wie einen Kokon. Ich weiss nicht so richtig wohin mit meiner überschüssigen Energie, es gibt im Moment nichts zu tun und auch nichts zu reden. Sundance lenkt konzentriert und ist ganz in den monotonen Schaukelrhythmus der Piste versunken; einen Rhythmus, der keine Worte braucht. Also fotografiere ich durch das Fenster, schiesse lauter Bilder, die sich gleichen, eine braune, gewellte, mit spitzen schwarzen Steinen übersäte Mondlandschaft vor einem endlosen Himmel in einem so verwaschenen Blau, als hätte das Sonnenlicht selbst ihn gebleicht.

So geht das stundenlang, der Rhythmus wird nur gebrochen, wenn wie aus dem Nichts eine schwarz verhüllte Nomadin mit ihrem Kind auf dem Arm am Pistenrand auftaucht und wir anhalten, um sie mit den mitgebrachten Kleidern einzudecken. Michael, der einen kleinen tragbaren Drucker mitgenommen hat, zückt manchmal seinen Fotoapparat und erstellt Portraits für die Familien. Ein hochaufgeschossenes Mädchen mit wachen Augen erschrickt, als er den Auslöser betätigt, und verharrt mit sorgenvoll umwölkter Stirn neben dem Unimog, nimmt den Ausdruck mit spitzen Fingern entgegen, schaut sich das seltsame Papier an, und dann kommt Leben in sein Gesicht, der Mund kräuselt sich zu einem lautlosen O, und als ich mit einem bunten Schal winke, den ich in meiner Klamottenkiste gefunden habe, hat sich seine Körperhaltung komplett gewandelt, hüpft es mir mit blitzenden Augen entgegen und nimmt mir das Tuch mit einer eleganten Handbewegung ab.

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