SCHATTENMALER

(Leseprobe)

Als wir in Jakarta das Flugzeug verlassen, riecht die staubige Nacht nach Rauch. Fast wie in Berlin, wo im Winter immer ein diffuser Kohlegeruch in der Luft hängt. Aber lass uns jetzt nicht an Berlin denken mit seinem traurigen, blassen Januarhimmel und seinem ungnädigen, forschen Ost-Wind, der einem die Wangen aufrauht und mit spitzen, kalten Fingern in die Ohren sticht.

Der Wind in Jakarta ist weich, warm und klebrig-feucht wie verschwitzte Kinderhände. Alles feuchtelt, auch die hässlichen schlammfarbenen Teppiche im Flughafen-Hotel, und während wir auf der Suche nach unseren Zimmern durch einen langgezogenen Flur mäandern, geräuschlos, weil der Teppich unsere Schritte verschluckt, breitet sich in mir noch mehr als sonst die übliche Orientierungslosigkeit aus. Vielleicht, weil das Reisen an sich – dieser Prozess, der dir vor Augen führt, dass du dich bewegst und dass sich deine Umgebung verändert – auf Langstreckenflügen immer ein bisschen in den Hintergrund tritt: Berlin, zack ins Flugzeug, pampiges Abendessen aus einer zerdrückten Aluminiumschale, Sitz zurückgeklappt, zack, Jakarta. Zwischendurch hätte ich fast vergessen, dass ich überhaupt unterwegs bin, wenn mir nicht die eigentümlich altmodische Airshow-Grafik mit ihrem kleinen, langsam über eine blau-grüne Weltkarte kriechenden Flugzeugsymbol angezeigt hätte, dass wir uns tatsächlich bewegen.

Wir haben eine lange Reise vor uns, und Jakarta wird eine anonyme Zwischenstation bleiben auf dem Weg zur nächsten Zwischenstation. Und weil sich sowas immer ein bisschen anfühlt wie pseudo-anwesend sein: Lass uns den Dingen ein Gesicht geben. Und wenn’s um etwas so Belangloses wie um schlammfarbene, säuerlich müffelnde Flughafenhotel-Teppiche geht. Oder um Plastikblumen in staubigen Plastikvasen auf schokoladenbraunen Holzimitat-Plastiktischen. Oder um die kleine rothaarige Alte im verwaschenen Mickymaus T-Shirt, die ein bisschen aussieht ein aufblasbares Gummitier mit fast schon kritisch gedehnten Armen und Beinen. Sie bringt den Kellnern im Flughafenhotel Snacks vorbei und leistet ihnen dann ein Stündchen Gesellschaft. Rauchend und lachend. Wahrscheinlich ist sie die Mutter des Oberkellers mit den beiden Streifen an den Umschlägen seiner ebenfalls schlammfarbenen Uniform. Er hat ein rundes Vollmondgesicht, die Augen seiner Mutter und die Tendenz zu einem zweiten Kinn. Das sind alles Dinge, die unseren kurzen Aufenthalt in Jakarta etwas weniger gesichtslos machen.

Später legen wir uns in unseren genormten Hotelzimmern ein bisschen hin. Ich weiss nicht, ob du in deinem Zimmer schläfst, aber ich starre aus dem staubblinden Flughafenhotel-Fenster auf’s Rollfeld, während die Zeit an den Rändern zerfranst. Ich mag Dinge, die an den Rändern zerfransen.

Der Weckruf um 2:00 ist obsolet, wir sind schon wach. Ich wundere mich ohnehin, dass ich nach acht Stunden Tiefschlaf im Flugzeug doch noch einmal komplett weggedämmert bin. Mit einem hohlen Gefühl im Magen stehe ich auf. Nun ist auch der letzte Rest von Zeitgefühl ausradiert. Wir fahren zum Domestic Airport, wo uns mürrische Männer in fleckigen braunen Uniformen mit harten Knopfaugen, aus denen Ablehnung und Misstrauen spricht, zu verstehen geben, dass wir hier nicht hergehören. Ein Dejà-Vu, das sich an fast jedem asiatischen Flughafen wiederholt, geht’s dir auch so? Obwohl sich die Abläufe auf Flughäfen global grundsätzlich ähneln, liegt immer eine Andeutung von gegenseitigem Unverständnis in der Luft, ganz diffus, als käme man nicht vom selben Planeten. Warum ignorieren die mich? Was gucken die so? Warum passiert jetzt nichts mehr?

Ein unglaublich zierliches Männchen rammt mir seinen mit Kartons beladenen Trolley in die Haxen. Auch so ein asiatisches Phänomen: Hier werden Unmengen von Habseligkeiten in mit Tesaband umwickelten Kartons durch die Gegend geflogen. Ob’s daran liegt, dass Koffer zu teuer sind? Das Männchen will vordrängeln, ich stemme mich dagegen. Ein kleiner Ärgerball rollt in meinem hohlen Magen hin und her: Ich mag zwar nicht hierher gehören, aber ich kenne die Spielregeln! Ich wedle energisch mit den Tickets, und einer der Checkin-Beamten taxiert mich mit diesem seltsam verdutzten Blick, der mir jedes Mal ein Rätsel ist: Als würde ich ihn nötigen, etwas gänzlich Unsägliches zu tun. Ich gebe ihm zu verstehen, dass wir einchecken wollen. Er guckt weiterhin verdutzt, händigt uns aber nach einigen Minuten rätselhafter Untätigkeit tatsächlich die Bordkarten aus.

Dann sitzen wir in der Freiluft-Wartezone unseres Gates, und alles ist plötzlich ganz friedlich: Grillen zirpen unter Bäumen, die sich mit üppigen weissen Blüten schmücken. Rauchen ist erlaubt, und der zahnlose Security-Mann mit dem staubigen Schnurrbart hat dir nicht nur deine Duty Free-Whiskyflasche nicht weggenommen, er hat dich sogar angelacht. Uns gegenüber sitzt ein junges indonesisches Paar, er drückt ein überlebensgrosses rosafarbenes Herzkissen an sich, das ich im ersten Moment für ein Baby halte. Später hat sie das Kissen, er hört Musik aus quietschblauen Plastikkopfhörern und raucht. Die warme Nachtluft riecht nach Nelken. Zwei Fernseher brüllen sich gegenseitig nieder, niemand schaut wirklich hin. In meinen Synapsen breitet sich gerade ein Gefühl von Vertrautheit aus, als sich auf dem Weg ins Flugzeug hinter mit zwei Männer in breitestem Österreichisch begrüssen: „Sssupa isses, hier in Jakarta!“ Ich muss laut kichern, wahrscheinlich hören sie mich. Die Globalisierung stolpert manchmal ganz unverhofft wie ein komischer August mitten in die Szenerie.

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